Donnerstag, 30. April 2015

Knochenarbeit: Bekenntnisse einer Teilzeit-Archäologin

Die Autorin bei der Ausübung ihrer bevorzugten Arbeit. Foto: Brigitte Laschinger (alias die Chefin)

Wenn ich morgens kurz nach sechs aus dem Haus gehe, sehe ich wohl nicht aus, wie man sich allgemein eine Journalistin vorstellt. Dann trage ich Arbeitshosen (nur in Männergrößen erhältlich), irgendein T-Shirt, das ich schon längst hätte ausmustern sollen, und eine dicke Schicht Sonnencreme, um acht oder mehr Stunden unter freiem Himmel zu trotzen.



Ich bin Archäologin. Jedenfalls habe ich in diesem Fach einen Abschluss. Normalerweise schreibe ich über die Ausgrabungen anderer Leute. Es macht mir Freude, mich in die neuesten Forschungsergebnisse von Altertumswissenschaftlern auf der ganzen Welt einzuarbeiten. Mein Studium hilft mir, ihr Fachchinesisch in allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen. Das findet dann zu Hause an meinem Schreibtisch statt – normalerweise nicht vor zehn Uhr morgens. Aber feste Stellen in Redaktionen und Aufträge für freie WissenschaftsjournalistInnen sind nun mal rar, und das Zeilenhonorar der Lokalzeitung reicht auch nicht, um mich satt zu machen. Daher arbeite ich derzeit für ein paar Monate als Hilfskraft auf einer archäologischen Ausgrabung des Landesdenkmalamtes (LDA) Baden-Württemberg. Hier dokumentiere ich die Spuren vergangener Jahrhunderte, bevor ein aktuelles Bauprojekt sie zunichtemachen kann.

Das heißt im Klartext: Jeden Morgen um 7.30 Uhr finde ich mich auf der Baustelle ein, wo ich die Grundmauern einer ehemaligen Mühle und deren Vorgängerbauten ausgrabe und dabei alle Funde sorgfältig beschrifte und eintüte, damit das LDA sie archivieren kann. Nicht glamourös, aber wichtig.

Graben in der Vergangenheit

Was mir dabei schnell wieder klar wird, ist: Archäologie ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch, und für die einfache Grabungshelferin vor allem, harte Arbeit. Eimerweise Erde schleppen oder mit der Spitzhacke einen Graben in die Erde schlagen, um im Profil die Abfolge der Besiedlungsschichten erkennen zu können, das erfordert einen Körpereinsatz, den ich nicht mehr gewöhnt bin. Und der sogar die neben uns arbeitenden Bauarbeiter beeindruckt: „Wenn mal der Minibagger nicht funktioniert, fragen wir euch!“, bemerkte einer angesichts der Löcher, die wir produzieren. Dabei aber immer aufmerksam und sorgfältig bleiben – schließlich könnte hinter dem nächsten Spatenstich ein wichtiger Fund stecken oder durch schlampige Dokumentation eine fundamentale Erkenntnis verlorengehen. Es ist diese Mischung aus körperlicher und geistiger Arbeit, die mich an meinem Studienfach einst besonders begeistert hat.

Allerdings nicht nur. Die Vergangenheit hat mich immer schon fasziniert. Als nach dem Abitur die Studienwahl anstand, hatte ich eine fixe Idee: Den Alten Orient und das Alte Ägypten wollte ich erforschen, ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da einließ.

Die Antwort auf die Frage, was ich studiere, löste bei neuen Bekannten stets eine von zwei Reaktionen aus: Erstens eine vage Faszination, gekoppelt mit der Vorstellung von fernen Ländern, uralten Pharaonenflüchen und hypermaskulinen Abenteurern mit Schlapphut und Peitsche: „Ooooh… Das ist ja interessant!“. Zweitens blankes Unverständnis über einen derart vergeistigten Nischenstudiengang: „Aha. Und… was macht man dann damit?“

Karriere in Scherben?


Ja – was macht man eigentlich damit? Bis zum Ende meines Studiums hatte ich mir das auch noch nicht so richtig überlegt. Ein Leben an der Uni konnte ich mir kaum vorstellen. Journalismus war zwar immer mal wieder ein Thema gewesen, aber ernsthafte Maßnahmen hatte ich bis dato nicht ergriffen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Ein wenig Recherche machte mir Hoffnung: Ein Fachstudium, egal welches, dann einige Praktika und Freie Mitarbeiten, und schon ist dir ein Volontariat oder eine Ausbildung an der Journalistenschule so gut wie sicher!

So die Theorie. Viele, viele abgelehnte Bewerbungen später dämmerte mir, dass die Praxis anders aussieht – ein „egal welches“ Fachstudium sollte für ein allgemeines Volontariat dann wohl doch nicht zu exotisch sein. Germanistik, Wirtschaft oder Politologie, gerne, Theaterwissenschaften, warum nicht, aber: „Altorientalistik“? „Vorderasiatische Archäologie“? Im Anschreiben ein Studienfach anzugeben, von dem der/die Angeschriebene im schlimmsten Fall noch nie gehört hat, kommt nicht gut an. Stellenausschreibungen für wissenschaftsjournalistische Volontariate sind da ehrlicher und weisen wenigstens gleich am Anfang darauf hin, dass Geistes- oder KulturwissenschaftlerInnen es gar nicht erst zu versuchen brauchen: Nur knallharte Naturwissenschaften bitte! Und die Journalistenschulen? Ein exklusiver Kreis. Um angenommen zu werden, muss die willige Schülerin diesen Einrichtungen erst einmal beweisen, dass sie ihre Ausbildung eigentlich gar nicht mehr braucht.


Zwei Jobs, von denen man nicht leben kann, ergeben einen, der reicht


Also musste, zusätzlich zu meiner Arbeit als Freie, ein Nebenjob her. Durch eine Freundin erfuhr ich von der Möglichkeit, kurzfristig in der Denkmalpflege zu arbeiten – jetzt ist sie meine Chefin. Ein Blick auf die Kollegen zeigt, dass die Kurzzeitverträge beim Amt nicht nur für mich ein Ausweg aus der Hartz-IV-Falle sind: Kollege Nummer eins ist gelernter Drucker, ein Beruf, der heute fast komplett obsolet ist, und seit Jahren Stammkunde im Jobcenter. Kollege Nummer zwei kam vor etlichen Jahrzehnten als sogenannter Gastarbeiter aus Italien in die Stadt und hat schon so ziemlich jede Arbeit, die keine besondere Qualifikation erfordert, mit der Arbeitsmoral eines Topmanagers erledigt. Kollege Nummer drei hingegen gehört in die Kategorie „hochqualifiziert unvermittelbar“: Er hat Geowissenschaften studiert, interessiert sich für Astronomie und arbeitet seit Jahren immer mal wieder auf Ausgrabungen. „Etwas Archäologisches“ studiert haben nur die Chefin (ebenfalls nur kurzzeitig angestellt) und ich.

Immerhin – ich werde bezahlt. Weder als Archäologin, noch als Journalistin eine Selbstverständlichkeit.  Auch andere Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen. Viel Zeit an der frischen Luft zum Beispiel – im Vergleich zu meiner gewohnten Bildschirmbräune bin ich derzeit richtiggehend wettergegerbt, und das schon im April. In dem Fachbereich arbeiten, den man studiert hat, zumindest so ungefähr, welche/r GeisteswissenschaftlerIn kann das heute noch von sich sagen? Und schließlich komme ich hier dazu, mit einer Kamera zu fotografieren, die ich mir privat niemlas leisten könnte. Ein Traumgerät. Dennoch fiebere ich einer Zeit entgegen, da ich voll und ganz Journalistin sein kann.

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